Interview mit OB Michael Makurath

Herr Oberbürgermeister, Ditzingen hat seit August diesen Jahres eigene Stadtwerke. Welche Vorteile erwarten Sie sich für Stadt und Bürger?

Nachdem unsere Strom- und Gasangebote kalkuliert sind, zeigt der Vergleich, dass wir attraktive und wettbewerbsfähige Tarife haben, obwohl wir ausschließlich Öko-Strom anbieten. Das heißt, den Kunden der Stadtwerke bleibt also konkret etwas im Portemonnaie übrig und sie leisten mit dem Öko-Tarif noch einen Beitrag für die Umwelt. Dazu kommt, dass unsere Bürger mit den neuen Stadtwerken einen Anbieter und Ansprechpartner direkt vor Ort haben, der mit der Stadt eng verbunden ist.

Natürlich wollen wir mit den Stadtwerken auch einen Beitrag zur lokalen Wertschöpfung leisten. Die erwirtschafteten Erträge bleiben dabei bei uns in Ditzingen und tragen dazu bei, die städtischen Strukturen hier in Ditzingen weiter zu verbessern.

Gab es Hürden bei der Gründung der Stadtwerke, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Bis zur Gründung und Büroeröffnung am 15.10.2011 gab es selbstverständlich viele Hürden zu nehmen. Bereits am 09.12.2006 wurde im Bundesanzeiger bekanntgemacht, dass der Gas-Konzessionsvertrag mit der EnBW zum 31.12.2008 ausläuft.

Damit eröffneten wir eine mehrjährige Debatte im Gemeinderat der Stadt Ditzingen um die Rekommunalisierung der Energieversorgung auf lokaler Ebene. Zunächst wurden die energiepolitischen Zielsetzungen des Stadtrates in diesem Zusammenhang definiert, der sich mit großer Mehrheit für die Gründung eines kommunalen Stadtwerks mit einem strategischen Partner aussprach. In einem aufwändigen Prozess wurden die nach der Ausschreibung eingegangenen Bewerbungen um eine solche strategische Partnerschaft in einem transparenten und diskriminierungsfreien Verfahren ausgewertet, verglichen und zu einer Entscheidung geführt. Am Ende dieses Prozesses entschied sich der Ditzinger Stadtrat für die EnBW als Beteiligungspartner. Doch die anfänglichen Erwartungen, die Gesellschaftsverträge bis Ende 2010 endzuverhandeln, konnten nicht erfüllt werden. Es zeigte sich, dass neben vielen Details speziell in der Frage der Entflechtung und der Übertragung der gemischtgenutzten Versorgungsleitungen erhebliches Konfliktpotential steckte.

Nachdem auch nach monatlangem Ringen in diesen Fragen keine Einigung mit der EnBW erzielt werden konnte, wurden im März 2011 die Gespräche endgültig abgebrochen und die Verhandlungen mit der KommunalPartner Beteiligungsgesellschaft mbH & Co. KG ( (KPB) wieder aufgenommen, die ihre Bewerbung um eine Partnerschaft aufrecht erhalten hatte.

Am Ende eines viermonatigen Verhandlungsmarathons mit den KPB beschloss der Gemeinderat am 12.07.2011 die Gründung der Stadtwerke Ditzingen GmbH & Co. KG (SWD) mit den KPB als Beteiligungspartner. Wenige Wochen später konnten die SWD dann gegründet werden, die am 15.10.2011 zunächst mit der Sparte Energievertrieb den Betrieb aufnehmen werden.

Wie sieht das Geschäftsmodell und die Gesellschafterstruktur des neuen Unternehmens aus?

Die Stadtwerke Ditzingen GmbH & Co. KG (SWD) sollen schrittweise zu einem Unternehmen entwickelt werden, das die Bevölkerung und die Unternehmen mit Wasser, Strom, Gas, Wärme und Energiedienstleistungen aus einer Hand versorgt. An der Gesellschaft sind die Stadt Ditzingen mit 76% und die KPB) mit 24% beteiligt.

Noch im Jahr 2011 werden wir die Gespräche mit der EnBW über den Erwerb der Gas- und Stromverteilnetze im Gemeindegebiet Ditzingen aufnehmen. Im Zuge der Verhandlungen über die Ende des Jahres 2012 auslaufenden Stromkonzessionen in der Region Stuttgart sind wir offen für die Beteiligung benachbarter Kommunen oder kommunaler Unternehmen, sofern diese den angestrebten Geschäftszweck unterstützen.

Die neuen Stadtwerke Ditzingen sollen zeitnah die kritische Masse an Geschäftsvolumen für einen rentablen Geschäftsbetrieb erreichen.

Hierzu wird in den ersten 18 Monaten ein Kernteam aus etwa fünf bis sechs Mitarbeitern aufgebaut, welches in der Anlaufphase durch erfahrene Mitarbeiter der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen SWBB unterstützt wird. Damit werden die Stadtwerke Ditzingen in die Lage versetzt, sehr schnell operativ tätig zu werden, mit dem Ziel, nach 5 Jahren den Grundversorgerstatus zu erreichen.

Wie wollen Sie die Bürger überzeugen, Kunden der Stadtwerke zu werden?

Die Nähe zum Kunden vor Ort, das Vertrauen zu einem Tochterunternehmen der eigenen Stadt sowie konkurrenzfähige und ökologische Produkte sind die wesentlichen Argumente im Wettbewerb mit anderen Marktteilnehmern.

Hierbei hilft uns natürlich das neue Kundenzentrum der SWD, welches am 15. Oktober 2011 in der Räumen des Gebäudes Marktstrasse 2 im Zentrum Ditzingens eröffnet wird. Kundenservice ist uns wichtig. Statt anonymer Call-Center stehen im neuen Kundenzentrum unsere 5 Servicemitarbeiter als direkte Ansprechpartner zur Verfügung.

Welche energiepolitischen Weichen will die Stadt Ditzingen gemeinsam mit den Stadtwerken künftig stellen?

Die gewerblichen und privaten Energieverbraucher in Ditzingen sollen bei der Einsparung von Energie und der effizienten Nutzung der Energieträger Strom, Gas und Wärme unterstützt werden.

Die Nutzung regenerativer Energien für die Erzeugung von Wärme und Strom in Ditzingen und der Region soll ausgebaut werden. Den Anfang hierzu haben wir mit der Inbetriebnahme von 3 BHKWs in städtischen Gebäuden gemacht. Darüber hinaus können bereits heute ca. 120 Haushalte mit dem selbsterzeugten Strom unsere Photovoltaikanlagen versorgt werden. Es ist vorgesehen, den Bestand an Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen weiter auszubauen.

Die Stadtwerke Ditzingen sollen sich zu einem leistungsfähigen Unternehmen entwickeln, das weitere Infrastruktur- und Versorgungsaufgaben in Ditzingen übernehmen kann. Als Betreiberin wesentlicher Infrastruktureinrichtungen sollen die Stadtwerke Ditzingen dazu beitragen, dass der Wirtschaftsstandort Ditzingen auf Dauer attraktiv ist.

Welchen Ratschlag geben Sie Amtskollegen, die ebenfalls über die Gründung eigener Stadtwerke nachdenken?

Zweifellos sind funktionierende Stadtwerke der Schlüssel zur Umsetzung der energiepolitischen Ziele einer Kommune und bieten eine große Zahl von Chancen. Da, wie bei jeder unternehmerischen Betätigung, auch mögliche Risiken abgewogen werden müssen, ist ein rechtszeitig beginnender und breit angelegter kommunalpolitischer Willensbildungsprozess über die Ziele und Absichten der Kommune, die diese im Zuge der Konzessionsvergabe verfolgen möchte, obligatorisch. Wegen der Komplexität der Sachverhalte sollten dabei erfahrene externe Berater eingebunden werden. Der erstmalige Aufbau eines Stadtwerkes setzt zudem ein hohes Maß an energiewirtschaftlicher Expertise voraus.

Ist diese in der Kommune nicht vorhanden, kann solch ein Vorhaben nur mit der Unterstützung eines kompetenten und engagierten Partners aus der Energiewirtschaft gelingen, der gleichgerichtete Interessen verfolgt. Dazu muss natürlich eine entsprechende Einflussnahme der Kommune auf das Stadtwerk und dessen Ausrichtung im Zuge der Gesellschaftsgründung sichergestellt werden.

Ich halte eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema für in jedem Fall lohnend, da für Kommunen nur alle 20 Jahre überhaupt die Möglichkeit besteht, sich im Zuge der Neukonzessionierung in dieses Aufgabenfeld hinein zu entwickeln.

stadt+werk, Ausgabe 1/2011